Eine Sache, auf die ich in Bezug auf meine Fantasy-Bücher schon einige Male angesprochen wurde, ist die Tatsache, dass meistens vergleichsweise viele Charaktere in ihnen vorkommen. Die meisten Schreibenden beschränken sich etwa auf eine Handvoll Personen, die die Handlung bestimmen. Bei mir hingegen kommt immer viel Abwechslung hinein. Trotzdem wird es nicht unübersichtlich oder überfordernd, wie mir immer wieder gesagt wird. Worauf ich zugegebenermaßen ein wenig stolz bin.
Auch im realen Leben hat man meist mit mehr als drei Personen zu tun
Bei manchen Büchern, die sich an nur wenige Mitspielende halten, fällt mir auf, dass mir etwas fehlt oder ich sie sogar für leicht unrealistisch empfinde. Für mich gehört es einfach dazu, dass auch andere Personen mitspielen als nur die drei Hauptcharaktere, um die sich die Geschichte dreht.
Im Alltag begegnet man einfach deutlich mehr Menschen, die eben auch Einfluss auf unser Leben haben. Nicht für jedes Thema ist die gleiche Person der richtige Ansprechpartner. Allgemein unterhält oder schreibt man sich in der Regel im Laufe eines Monats mit mehr als einer oder zwei Personen.
Kurzum: Für mich ist es in den meisten Fällen einfach unrealistisch, wenn nur wenige Charaktere vorkommen.
Mehr Personen bringen mehr Abwechslung in die Geschichte
Ein wichtiger Punkt in Bezug auf Geschichten ist natürlich auch, dass mehr Personen mehr Potenziale mitbringen.
- Unterschiedliche Charakterzüge bieten Möglichkeiten für Konflikte, aber auch für Synergien.
- Unterschiedliche Sichtweisen bringen unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten mit sich.
- Mehr Charaktere bieten auch mehr Auswahl, wer denn der Bösewicht ist. Oder ob es sogar mehrere gibt.
- Meine Protagonistin hat mehr Ansprechpartner bzw. Auswahl, wenn sie Hilfe braucht.
- Es kann an mehreren Stellen etwas passieren, auch wenn wir nur die Sicht von einer oder zwei Personen verfolgen.
Und das sind nur ein paar der Vorteile, die eine größere Anzahl an Mitspielern in einem Buch mit sich bringen. Aber ich denke, du verstehst, was ich meine.
Jede Person bekommt einen eigenen Charakter und eine eigene Geschichte
Bei so vielen Mitspielern muss man aber auch darauf achten, dass diese Personen auch greifbar sind. Leere Hüllen geraten schnell in Vergessenheit. Deshalb ist es mir wichtig, dass jede dieser Personen sorgfältig ausgearbeitet ist. Auch Charaktere, die nur wenige Auftritte haben oder scheinbar nicht so wichtig sind, bekommen von mir einen vollständig ausgearbeiteten Charakterbogen. Ich weiß, wie sie aussehen, was für eine Vorgeschichte sie haben und in welchem Verhältnis sie zu bestimmten anderen Charakteren stehen. Auf diese Weise sind sie nicht nur für mich greifbarer, sondern auch für die Lesenden und fügen sich besser in die Geschichte ein.
Jeder Charakter hat eine eigene Aufgabe innerhalb der Geschichte
Das ist ein wichtiger Punkt, der für mich grundlegend ist, um überhaupt so viele Charaktere in ein Buch integrieren zu können. Wenn sie keine echte Aufgabe und somit keinen richtigen Zweck in der Geschichte erfüllen, sind sie wieder einmal überflüssig und nicht greifbar.
Tatsächlich hatte ich auch schon ein paar Bücher, aus denen ich eine Person wieder gestrichen habe, die anfangs fest mit eingeplant war. Aus dem einfachen Grund, dass sie nur einmal vorgekommen ist und keinen echten Mehrwert für den weiteren Verlauf der Geschichte geboten hat. Manchmal passiert das, aber da es mir selbst auffällt, kann ich umdisponieren, bevor es im endgültigen Buch zu Störungen kommt.
Allerdings gibt es auch Fälle, in denen auch nur ein kurzer Auftritt dennoch wichtig für die ganze Geschichte sein kann. Oder Charaktere nur als Nebendarsteller fungieren, die in Zeiten der Entspannung auftauchen, die zwar mit der eigentlichen Hauptgeschichte nicht viel zu tun haben, aber trotzdem ihre Daseinsberechtigung haben. Genauso wie es Personen gibt, die eine große, tragende Rolle haben.
Du siehst, eine Erklärung ist in diesem Punkt gar nicht so leicht in Worte zu fassen.
Die Charaktere entwickeln oft ein Eigenleben, auf das ich nur noch wenig Einfluss habe
Genauso wie es gelegentlich vorkommt, dass ein Charakter aus dem Buch gestrichen werden muss, passiert es auch immer wieder, dass Personen eine größere Rolle spielen als ursprünglich gedacht. Allgemein kann ich bei der Planung der Charaktere oftmals noch gar nicht so genau sagen, welche Personen eine wie große Rolle spielen werden.
Denn ich lasse mich von der Geschichte selbst überraschen, wohin die Reise geht. Das ist deutlich leichter, als jedes Mal alles umplanen zu müssen, wenn die Geschichte eine Wendung nimmt, die ich ursprünglich nicht geplant hatte. Denn wenn die Charaktere gut ausgearbeitet sind, kommt es nicht selten vor, dass sie während des Schreibens das Zepter in die Hand nehmen und Szenen entstehen, mit denen ich in der Form niemals gerechnet hätte. Da kann es sogar schon mal vorkommen, dass ein Charakter stirbt, den ich eigentlich sehr liebgewonnen hatte und gerne noch länger begleitet hätte.
Die Figuren sind natürlich in Haupt- und Nebencharaktere unterteilt
Wie schon einmal erwähnt, haben unterschiedliche Charaktere natürlich auch unterschiedlich viel Einfluss auf die Geschichte – aber in jedem Fall sollte ihre Anwesenheit und ihre Entscheidungen eine gewisse Tragweite für den weiteren Verlauf haben, sonst wäre ihre Anwesenheit wieder einmal überflüssig.
Genauso wie die Anzahl ihrer Auftritte innerhalb des Buchs variieren kann. Was aber nicht unbedingt bedeutet, dass ein Charakter, der nur dreimal auftaucht, weniger Bedeutung hat oder weniger wichtig ist, wie jemand, der in jedem zweiten Kapitel auftaucht. Trotzdem habe ich immer im Hinterkopf, dass gewisse Personen vielleicht öfter auftauchen sollten als andere, um ihnen die nötige Tiefe und Autorität in Bezug auf die Geschichte zu geben.
Und letztendlich: Es ist ein Teil meines Schreibstils, gegen den ich nicht ankomme
Ja, genau das ist genau genommen der Hauptgrund, warum fast immer relativ viele Charaktere in meinen Fantasy-Büchern vorkommen und es trotzdem so gut funktioniert. Es passiert einfach automatisch und das ist vielleicht das entscheidende. Ich muss nicht viel darüber nachdenken, wer wann was macht oder nicht macht. Oder ob es klug ist, diese Anzahl von Personen ins Spiel zu bringen. Oder was ich tun muss, um es übersichtlich zu halten. Während dem Schreiben und der Charakterplanung nehmen die Charaktere ihre Positionen wie von selbst ein. Und ich denke, letzten Endes ist es genau das, was die Leichtigkeit hineinbringt. Weil es sich für mich stimmig anfühlt, fühlt es sich letztendlich (meistens) auch beim Lesen stimmig an. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

